Der schönste Tag deines Lebens? Wie traurig für die restlichen.

Der Satz steht auf Servietten, in Reden und auf mindestens einem Holzschild im Eingangsbereich: der schönste Tag deines Lebens. Niemand erschrickt. Dabei ist das, wenn man kurz darüber nachdenkt, eine ziemlich düstere Prognose.
Du bist Anfang dreißig, und ab jetzt geht es bergab. Offiziell. Mit Buffet.
Was genau ändert sich am Samstag um 14 Uhr?
Frag ein Paar, warum es heiratet. Die erste Antwort lautet fast immer: „Weil wir uns lieben.“ Schön. Dann frag nach: Und gestern habt ihr euch nicht geliebt?
Spätestens jetzt wird es ehrlich. Die Oma wird nicht jünger. Die Schwester hat auch schon. Es gehört halt dazu. Und irgendwann hat man so oft „Schauen wir einmal“ gesagt, dass eine Hochzeit weniger anstrengend ist als das nächste Familienessen.
Die beste Antwort ist übrigens die unromantischste: Absicherung. Erbrecht, Witwenpension, Auskunft im Spital. Das ist vernünftig, und wer deshalb heiratet, hat meinen vollen Respekt. Nur braucht es dafür kein weißes Kleid, keine 120 Gäste und keine Band, die um Mitternacht „Atemlos“ spielt. Das ist ein Vertrag. Den kann man auch an einem Dienstag in der Mittagspause unterschreiben. In Österreich steht dafür seit 2019 allen Paaren sogar die eingetragene Partnerschaft offen, ganz ohne Tauben.
„Endlich“ ist das verräterischste Wort der Welt
„Wann heiratet ihr endlich?“ ist keine Frage. Es ist eine Mahnung mit Fragezeichen. Sie unterstellt, dass eure Beziehung bisher eine Art Probezeit war und irgendwo ein Amt auf eure Unterlagen wartet.
Wer nach fünfzehn Jahren nicht verheiratet ist, gilt als unentschlossen. Wer nach fünfzehn Monaten heiratet, als romantisch.
Das ist die eigentliche Pointe. Wir haben uns darauf geeinigt, die Ernsthaftigkeit einer Liebe an ihrem Veranstaltungsbudget zu messen. Bleiben allein gilt nicht. Es hat ja niemand zugeschaut.
Liebe ohne Publikum
Es gibt Menschen, die seit Jahrzehnten jeden Morgen neben derselben Person aufwachen, obwohl sie kein Papier dazu verpflichtet. Niemand hat dafür geklatscht. Niemand hat dafür eine Rede gehalten. Sie bleiben einfach, und das Einzige, was sie davon abhält zu gehen, ist, dass sie nicht wollen.
Das ist kein Argument gegen die Ehe. Auch mit Ring bleiben viele aus genau diesem Grund. Es ist ein Argument gegen die Idee, dass ohne Ring weniger irgendetwas fehlt.
Feiern darfst du trotzdem
Jetzt die gute Nachricht: Das Fest ist das Beste an der ganzen Sache, und es ist nicht ans Standesamt gebunden. Lade 120 Leute ein, weil du vierzig wirst. Weil du gekündigt hast. Weil Dienstag ist. Zieh an, was du willst, und halte selbst eine Rede. Die Band spielt trotzdem „Atemlos“, da kann man nichts machen.
Und wenn du heiraten willst, dann heirate. Mit allem, mit Tauben und Schleppe und Tränen in der ersten Reihe. Aber dann wünsch dir bitte, dass es nicht der schönste Tag deines Lebens wird.
Sondern dass noch ein paar bessere kommen.
Dieser Text darf gern in Hochzeitsreden zitiert werden. Auf eigene Gefahr.
Katrin